Rubert Weinzierl: suchtbluten

trieb. feder. haß

rupert weinzierl

 

 

heim

 

es flirrt die luft

in deinem glas

du fragst

nach den sekunden

in denen du es wagst

zu atmen

in denen du die last vergisst

unter der du gibst

bis alles süß

vor lauter not

 

in deiner einsamkeit

hörst du dich schreien

dich quält heimweh

ohne heim

 

 

blumen ohne duft

 

er saugt an der dose

verzinkt sein herz

sein hintern narbt

 

er schwitzt sich zu ihr

kann sie nicht greifen

aus seinen hoden

ragen kabel in die welt

 

ihre haut riecht gut

sie tadelt ihn süchtig

er berührt sie voll angst

fühlt unvertraut

 

ihr herz höhnt

ihre tetanusaugen glühen

ihre klitoris schwillt

ihm wird so kalt

 

 

urmisstrauen

 

bei jedem atemzug

kriechst du mir aus den poren

deinetwegen

hab ich mich in mir verloren

 

in deinen worten

wird mir kalt

in meinen augen spiegelt sich

deine gewalt

 

 

zuckerträne & zimtbrennen

 

sternenkalt brennt ihrer hände halt

ihre lider rouge bemalt

 

inwändig vertränt

reicht der augapfeldieb

ihr eine geste

mit der er seine furcht verziert

 

seine hände zappeln

einen wimpernschlag weit

und zaudern

denn sie riecht alt

 

geheimnisvolle süße wagt

brennt sie in ihm ungefragt

schwielen der erinnerung

an denen er im sich verzagt

 

denn schwarz wie früher klafft das loch

seit er aus ihrer decke kroch

in seinen schmerz hinein

 

 

selbstwertproblem, 1

 

meine haut riecht wie ein bonbon

als ich um den spiegel streiche

küsse ich mich im welken leise

verzückt auf mein zartgefallnes ohr

denn meine liebe ist gewalt

und mein atem herrlichkeit

 

 

selbstwertproblem, 2

 

bloß ein ekzem zwischen den ohren

hat mein gesicht sich gegen mich verschworen

ich trenne meine nase ab

und steck sie in den sack hinein

steche meine augen aus

und taumle heim

 

 

roter slip

 

bedrohlich blitzt

ihr roter slip

so sexy wie der tod

 

sie verführt sich selbst

stürzt in ihr fleisch hinab

& taucht in chrom

 

ein diadem

schmückt ihre beine

aus denen sie

den schmerz gebiert

 

für mich nur ganz alleine

 

 

now!

 

ich will allmächtig

über dein fleisch verfügen

im rausch meines seins

dich mit haut & haaren inhalieren

im absoluten taumel

meiner gefräßigkeit

 

 

vater

 

du warst mir stets „Sie“ und „Ihnen“

mein rufen hat dich nie erreicht

du warst so kalt

ich pflegeleicht

 

 

wunsch

 

puppenhaut

um sie drapiert

wie eine schleife

die sie schweigt

hört laut

doch weiß sie nicht

in sich hinein

 

 

modesta & heini

 

wälzen sich in pathos

sprechen imposant

bergen die vorlaute leiche

fischen doch das ewiggleiche

geifern ohne atem

und ejakulieren staub

 

 

taub

 

kannibalistische kabalen

seither auf einer seele taub

was leise tönt

das hört er laut

 

 

sommer

 

du rufst

räkelroter kirschbefall

im sonnenzaun

lächelstarr

im gartenflaum

 

 

weihnachtswunsch

 

... daß wir in tropfen fallen ins neu

in eine verzückte wüstenei ...

 

 

sucht

ein gerstenkorn in meinen adern

säuft die sehnsucht aus geschwadern

leere wütet durch meine flucht

in meinen strömen brüllt die sucht

bluten

hautweich flüstert sie sich heran

gespaltene wut ihr stummer schrei

ihre raserei knallt in mein weich

luft knistert trunken

bricht den moment entzwei

 

kalt straft mich seine lüge leben

keucht und drückt um mich herum

der gummipuppe luft zerreißt

bevor mich dann sein atem beißt

 

von ihren schlägen angepatzt

wie ein essigsaurer mond

schwirr ich aus meiner haut heraus

und fließ an mir vorbei

 

 

knallroter autobus

 

flucht gestikuliert schwitzt schreit

holpert hastet tobt bereut

kniet gräbt stöbert naseläuft

knospt würgt kolkt & bleibt

 

knöchelt köchelt dampft & pfeift

zerstört zerschlägt hämmert weicht

jammert hustet gräbt & keucht

bis die große frage bleicht

 

 

fetisch

 

vom glanz der fesseln

erschließt er sich die beine

knöchelnd zum fuß voran

tasten ohne eile

 

ihr nagellack strahlt

das riemchen spannt

als er in ihre zehen beißt

glitzern ihre sohlen heiß

 

 

prager fenstersturz

 

rotorenlärm in seinen ohren

bodenhaftung luft verloren

panik schwillt

untenüber

luft sich dreht

geländer biegt

nicht stürzen kann

die treppe schwebt

sein körper fliegt

dunkel

zart

laut halt

asphalt

voran

 

 

kastanienfahrt

 

den sommer noch in seinen poren

hat er sich in ihrer melancholie verloren

der schularzt klopft

ein nüchternschmerz

sie läuten sturm

& ihm weht’s kalt

als ob sie jetzt der regen peitscht

ihr lachen stiehlt

die fäulnis sie wie säure beißt

die sonne in den blättern stirbt

und ihnen jeden mut entreißt

als ihm dann eine schulmilch schallt

da wird ihm wieder herbst

 

 

schneemann

 

die sonne scheint

der schneemann weint

und schmilzt in ein klistier

 

 

zähmen

 

weißt du noch

damals im wald

als du mich gefragt hast

wer ich war

wo ich jetzt bin

und woher ich sah

durch deine wut

durch deinen hass

und durch deine tränen

deine stimme war so laut

wie ein baustoffdröhnen

doch ich wusste nichts

und wollte dich nur zähmen

 

 

österreichischer mann viel handarbeit

 

im triebstau durch das elend treiben

das nächtens durch die gänge faucht

was ist jetzt traum?

und was ist garten?

in dem die sublimierung kreischt

nichts weiß er

außer der dioden glut

ein ganzer pulk staut seine lüste

und ruft wahrheit in den wald

 

 

bruder

 

angst hat deine nacht besessen

und dein leben überschwemmt

der kuß des zugs lässt dich vergessen

und du lächelst mir von ganz weit

ins haar

doch sie denken bloß ans essen

weil immer alles weitergeht

und nur für mich sich nichts mehr dreht

goodbye

 

 

lobo

 

1.akt:

in den augen von lobo dem einzelgänger flackert tödliche angst

sein vater bill hatte nur mit ihm gespielt und seine liebe mit füßen getreten

lobo war bei dem duell der beiden schurken nur zuschauer gewesen,

aber das rettete ihn nicht davor, gejagt zu werden

er fleht

„warum gehst du nicht endlich? warum hörst du nicht auf, mich zu demütigen?“

sein vater bill antwortet nur lakonisch

„geh du — einer laus weint man keine träne nach, lobo“

und seine stimme war dabei scharf wie eine rasierklinge

bill mustert ihn mit zwei glutvollen augen,

die lobo nicht gefallen

er traut dem bleichgesicht bill ganz und gar nicht

 

 

2.akt:

den flüchtling lobo überläuft es eiskalt, als er den banditen bill auftauchen sieht

der alte alte schurke verfolgt ihn gnadenlos

langsam weicht alle farbe aus seinem gesicht

„verflixt, jetzt bin ich in der klemme“

in rasendem zorn schlägt lobo zu

der schlag wäre absolut tödlich, hätte der zynisch lächelnde bill sich nicht blitzschnell geduckt

nach dem kampf wird lobo ein paar narben mehr haben

wer trug die schuld an diesem mörderischen kräftemessen, das nur elend in das weite land brachte?

nach uraltem brauch soll nach dem kampf nun das kalumet seine runde machen

versöhnung — beide vergessen alles um sich herum

lobo redet einen haufen dummes zeug und es wird ihm richtig warm ums herz

plötzlich ist es mit lobos beherrschung vorbei

er wirft sich auf den boden und schluchzt, daß es seinen ganzen körper erschüttert

dann wirft eine kugel lobos den alten schurken bill zu boden,

der daraufhin die ewigen jagdgründe hinüberreitet

 

 

3.akt:

am nächsten morgen ist es lobo, als hätte er einen langen bösen traum gehabt

 

 

(alle textzeilen aus: lobo der einzelgänger „ein paar narben mehr“, buffalo bill „die bärenteufel von nevada“, der romantische liebesroman „du sollst nie wieder weinen“, kommissar wilton „der blaue anker“, lasso „die bärenbande von big spring“, silberpfeil, der junge häuptling „silberpfeils schönster sieg“)

 

 

friedrich adler-syndrom

 

er redet sich in glut

in sturm & zwang verfahren

singt nicht, sondern ruft laut

wie sie doch pragmatisch wären

prinzipienlos kompromißversaut

 

kratzt & krallt

rührt sich wider den geist

der ihn in sich selbst zerreißt

haßt sich selbst in blut & wunden

bodenlos im hass gefunden

bricht das brot von seinen rinden

& kolkt seine jugend aus

 

die frevelei der selbstgerechten

verwalte sich in jenen schächten

die er der ideologielosigkeit zeiht

verzweifelt protestantenblutend

als sein eifern ihn längst knechtet

ist er zum untergang bereit

 

 

blue

 

ein leben im liegen

er vergisst seine beine

von der zimmerdecke sieht er sich

leer an seiner leine

 

er betrachtet im spiegel

zähne ihm entgegenblecken

ein fremdes gesicht

kann sich darin verstecken

 

wünscht sich seine fäuste ballen

doch seine gedanken wiegen zu schwer

hört sich aus dem alltag fallen

wirft jetzt keine schatten mehr

 

 

sam peckinpah

 

männerdrücken

eruption

barhockerrücken

wieder voll

 

 

supermarktpatient

 

die sehnsucht, dass es anders wäre

er dem alltagsregime entschwere

den hypotheken falscher träume

entfliehen könnt’ in warme räume

in denen man ihn akzepiert

so wie er atmet

und nicht giert

sein buntsein genügt

nicht irritiert

wo er in ideenflucht

die schatten seiner wünsche sucht

und das loch in sich kuriert

das in ihm als wunsch pulsiert

teil eines wir zu sein

doch bleibt er lieber doch allein

um sich selbst maßlos zu bedauern

zu vertraut sind ihm längst die mauern

hinter denen er, ja, existiert

aber nicht ist & auch nicht wird

von ekstase träumt

die seine vergangenheit verbrennt

& jenen zaun glühend verschlingt

der ihn von seinem leben trennt

und ihn neu gebiert

bevor er sich noch selbst versäumt

 


titel